Besser rollenspielen: 7 Tipps für Spieler*innen

In einer uralten Folge des Genderswapped Podcast wurde bemängelt, dass es zwar sehr viele Tipps gibt, wie man besser spielleitet, aber nur wenige Tipps, wie man besser spielt.

Diese Idee finde ich toll und greife sie gerne auf, denn ich bin der festen Überzeugung: Die Verantwortung für einen gelungenen Spielabend liegt nicht nur bei der Spielleitung.
Die SL ist nicht allein dafür verantwortlich, wenn ein Abend langweilig war. Und umgekehrt gilt das auch: Die besten Spielabende sind keine Einzelleistung einer großartigen Geschichtenerzählerin; die besten Spielabende kommen zustande, wenn alle an einem Strang ziehen.

Die Hauptverantwortung für deinen Spaß liegt aber bei dir selbst.

<— Das ist sozusagen Tipp 0, auf dem alle anderen aufbauen.
Es folgen sieben weitere Tipps für Spieler*innen, mit denen du deinen Teil zu einem gelungenen Abend beitragen kannst.

Tipp 1: Bedenke dein Publikum bei der Charaktererschaffung

Du spielst vor einem Publikum. Dein Publikum sind deine Mitspieler*innen und deine Spielleitung. Du spielst nicht nur für dich selbst.
Da du ein Publikum hast, achte darauf, dieses nicht zu langweilen, bestenfalls sogar gut zu unterhalten.

Stelle schon bei der Charaktererschaffung die Gruppentauglichkeit deines SC sicher. Es hilft, wenn du dir dafür zwei Fragen beantwortest:

  1. Was macht meinen SC für andere sympathisch?
  2. Ist mein SC für andere interessant?

Das Ziel hinter diesen Fragen sollte sein, dass:

1) die anderen Held*innen gerne mit deinem SC auf Abenteuer ausziehen und dich nicht bei erster Gelegenheit zurücklassen,

2) die anderen Mitspielenden deinen Charakter interessant genug finden, um gerne mitzuerleben, wie dein SC auf Abenteuer auszieht, und welche Charakterentwicklung im Laufe der Zeit passiert.

Das Interesse der anderen kann ausreichen, selbst wenn der Charakter unsympathisch ist. Dann können die Mitspieler*innen immer noch metagamen und zusammen Gründe suchen, warum dieser interessante, aber absolut nicht liebenswürdige Charakter immer wieder aufs Abenteuer mitkommt.

Tipp 2: Bedenke dich selbst bei der Charaktererschaffung

Natürlich solltest du auch einen Charakter erschaffen, der dich selbst interessiert. Hier gibt es sehr viel zu beachten und eine Menge Ratschläge, die einen eigenen Artikel rechtfertigen würden. Ein paar Punkte in Kürze:

Ziel sollte es sein, dass dein SC über die gesamte Dauer des Abenteuers oder der Kampagne für dich interessant und spaßig bleibt. Einen Witz-Charakter oder ein One-Trick-Pony kannst du in einem Oneshot spielen, in einer langen Kampagne hingegen brauchst du etwas mit mehr Substanz.

Bonusziel ist es, wenn du beim Spielen des Charakters etwas über dich selbst lernst. Dazu kannst du interessante innere Widersprüche, Konflikte oder Ängste konstruieren. Auch diese sollten natürlich an die äußeren Gegebenheiten angepasst werden. Eine lange Redemption-Story geht nunmal nicht an einem Abend.

Mehr über Konflikte und innere Widersprüche habe ich bereits in Planung – stay tuned.

Tipp 3: Bedenke dein Publikum in deinen Spielszenen

Du spielst für ein Publikum – das heißt: Achte in deinen Spielszenen darauf, dass sie einen Unterhaltungswert haben.

Das gilt vor allem für Einzelszenen. Ziehe sie nicht in die Länge, nur um der Gründlichkeit willen.

  • Ist es wirklich nötig, jetzt noch die nächsten drei Gespräche mit NSCs auszuspielen, von denen du jeweils acht Detail-Informationen haben möchtest?
  • Langweilen sich deine Mitspielenden gerade, weil deine Szene zu lang und spannungsarm ist?

Behalte dein Publikum im Auge. Wenn es sich langweilt, signalisiere der SL, dass du bereit bist, die Szene zu beenden, oder tue etwas Unerwartetes.

Achte außerdem immer darauf, dass die anderen auch genügend Screentime bekommen, und nicht nur du im Rampenlicht stehst.

Tipp 4: Bedenke dich selbst in deinen Spielszenen

Vergiss nie Tipp 0: Du trägst die Hauptverantwortung für deinen eigenen Spaß!
Behalte also während deiner Spielszenen unbedingt im Auge, ob du dich selbst gerade langweilst.

Das klingt trivial, aber meine Erfahrung ist, dass es eine gewisse Aufmerksamkeit bedarf, seine eigenen Bedürfnisse und Emotionen im Blick zu behalten. Manchmal merkt man gar nicht, dass man gelangweilt und frustriert ist, bis es aus einem herausplatzt. Das gilt es zu vermeiden, deshalb solltest du dich regelmäßig fragen: Habe ich noch Spaß?

Wenn nicht, warum ziehst du dann die Szene in die Länge? Warum klapperst du jetzt noch die nächsten NSCs zur Befragung ab? Warum diskutierst du noch weiter über den perfekten Einbruchsplan?

Tipp 5: Sprich an, wenn du eine Aufgabe zu zäh findest

Jawohl, die Planungsphase im Rollenspiel hat einen eigenen Tipp verdient, denn sie nimmt gerne mal einen großen Teil des Abenteuers ein, und sorgt oft für Frust.

Lange Diskussionen über den perfekten Einbruchsplan haben schon so machen Shadowrunner völlig zermürbt. Gemeinsam einen Plan zu entwerfen ist etwa so anstrengend wie eine Gruppenarbeit in der Schule. Aus ebendieser solltest du aber die Grundregeln schon kennen, sodass ich es mir hier erspare, dir lang und breit zu erklären, dass du nicht nur Einwände formulieren darfst, sondern dich auch mit konstruktiven Vorschlägen einbringen musst, dass du kompromissbereit sein solltest, etc.

Aber selbst, wenn alle Mitspielenden gruppenarbeitserprobt sind und über die nötigen Softskills verfügen, kann es passieren, dass ihr euch in einer Planung verrennt. Der Grund dafür ist meistens eine Variation folgender Befürchtung:

„Wenn wir nicht ordentlich planen, geht die Aktion schief. Dann scheitert das Abenteuer, oder wir werden für unsere Nachlässigkeit bestraft.“

Diese Befürchtung ist oft auch angebracht, zumindest bis man darüber redet.
Ich habe mit folgendem gute Erfahrungen gemacht und will dir das empfehlen, falls du dich das nächste Mal in einer Spielsituation wiederfindest, die dir zu zäh ist, egal was es ist, ein Einbruchsplan, eine Massenbefragung verschiedener NSCs an einem Tatort, oder eine langwierige Recherche-Aufgabe, um alle möglichen Infos einzuholen:

Schaue in die Spielrunde, schaue deiner SL in die Augen, und sage:
Ich glaube, wir müssten das jetzt eigentlich tun, aber ich habe darauf gerade überhaupt keine Lust. Wie geht es euch so?“
Die Reaktion wird in den wengisten Fällen sein: „Tja Pech, da musst du jetzt durch.“ Denn sobald du so offen drüber sprichst, werden die meisten Mitspielenden bereit sein, dir entgegenzukommen, die Sache abzukürzen, etwas für dich zu übernehmen, oder das Ganze zu handwedeln.
Vielleicht wird deine Spielleitung sagen: „Mach dir keine Sorgen, ihr habt schon genug Infos.“
Im schlimmsten Fall müsstet ihr fürs Abenteuer wirklich noch etwas gründlicher sein, dann sagt die Spielleitung:

  • „Also, ihr seid fast schon da, befragt doch noch eine Person, wie wäre es mit dieser hier…?“
  • Oder: „Findet doch noch einen Notfallplan für diese eine Eventualität und dann kann der Einbruch losgehen – ich lasse euch schon nicht auflaufen.“

Tipp 6: Wechsle flexibel die Erzählperspektive, wenn nötig

Einige der Tipps, die ich dir hier unterjubeln will, haben eine Schattenseite, die ich nicht unterschlagen sollte: Sie gehen auf Kosten der Immersion.

    • Wenn du dich konzentrierst, deine eigenen Emotionen im Auge zu behalten, um rechzeitig zu intervenieren, bevor du frustriert bist,
    • Wenn du die Befürfnisse der Mitspielenden im Auge behältst,
    • Wenn du überlegst, welche Aktion deines Charakters die interessanteste wäre,
    • Wenn du auf die Metaebene wechselst und fragst, ob man eine Szene abkürzen könne,
    • -> dann gehst du gerade nicht vollkommen in deinem Charakter auf, fühlst was dein SC fühlst, denkst was dein SC fühlt, verlierst die Realität aus dem Blick und betreibst den bestmöglichen Eskapismus.

Das ist natürlich schade. Aber das sind nunmal die Kosten für einen maximalen Zugewinn an Spaß für alle Beteiligten, und das ist es garantiert wert.

Lass mich dir das noch etwas schmackhafter machen mit einem Vergleich.
Es ist nicht nur immserives Spiel und Metadiskussionen als zwei sich gegenüberstehende Ebenen. Vielmehr gibt es verschiedene Erzählperspektiven, die man im Rollenspiel einnehmen kann.

  • Für die größte Immersion sorgt natürlich die Ich-Perspektive – oder, aufs PC-Spiel übertragen: Die First-Person-View, bei der du direkt durch die Augen deines Charakters blickst.
  • Daneben gibt es aber noch zahlreiche weitere Möglichkeiten, etwa deinen Charakter im Over-The-Shoulder-Look zu steuern, oder aus der isometrischen Perspektive von oben. Ähnlich ist das auch im Rollenspiel, wenn du nicht als dein Charakter denkst, sondern über deinen Charakter.

Dieser Unterschied ist mir wichtig, um zu zeigen: Sobald du aus der First-Person-View trittst, verlässt du nicht das Spiel. Du wechselst nur auf eine distanziertere Erzählebene. Aber das Rollenspiel geht nahtlos weiter.

Die distanziertere Perspektive kommt zwar mit Immersionsverlust, hat aber auch einige Vorteile. Neben der Tatsache, dass nur mit ihr einige meiner Tipps machbar sind, erlaubt sie auch das, was ich ein „cineastisches Spiel“ nenne: Nur wenn du deinen Charakter auch mal von Außen betrachtest, kannst du ihn als Teil des Narrativs sehen. Dann überlegst du dir nicht: „Was würde mein Charakter tun?“, sondern: „Was würde denn die Entwicklung meines Charakters vorantreiben, oder was würde jetzt seine interessanten Charaktereigenschaften gut ans Licht bringen?“
Möchtest du gerne eine halbwegs geplante Charakterentwicklung spielen? Etwa den Fall deines Charakters vom gottesfürchtigen Paladin hin zum gefallenen Zweifler? Oder andersherum von der zynischen Misanthropin hin zu einer lebensbejahenden Optimistin? Dann rate ich dir, nicht zu viel Wert auf was-würde-mein-Charakter-tun zu legen. Das gelingt dir nur dann gut, wenn du wenigstens manchmal innehältst und schaust, was dein Charakter jetzt tun könnte, um diese Entwicklung anzustoßen.

Okay, das war ein langer Exkurs. Wenn du mehr wissen möchtest über Narratologie im Rollenspiel, empfehle ich meinen Artikel zu Story und Plot. Hier geht’s jetzt erstmal weiter mit einem

tl;dr:

  • Es gibt mehr als eine Erzählperspektive.
  • Beharre nicht starr auf der immersivsten, sondern wechsle die Ebene flexibel je nach Bedarf.

Tipp 7: Spiele andere SCs an

Dieser letzte Tipp ist in meinen Augen der zweitwichtigste, direkt neben Tipp 0.

Wir haben gelernt: Die anderen sind dein Publikum.
Das heißt aber umgekehrt auch: Du bist Teil des Publikums der anderen.
Kombiniere das mit Tipp 0: Du bist hauptverantwortlich für deinen eigenen Spaß.
Vermische das, rühre es um und kredenze es mit einer Portion Freundlichkeit, dann kommt folgendes dabei heraus:

Spiele andere SCs gezielt an.

  • Gib ihnen Raum, ihre Charaktere zu zeigen, indem du sie Dinge fragst.
  • Gib ihnen Raum in Szenen, die für diesen Charakter wichtig sind.
  • Lass auch mal den zurückhaltenden SC eine Konversation führen.
  • Die stocksteife Geweihte bietet sich ausnahmsweise an, etwas Verbotenes zu tun, aber dein SC könnte das wesentlich besser? Lass die Geweihte das mal machen. Wenn es schiefgeht kannst du immer noch den Tag retten.

Fazit und 6 Zusatz-Tipps

Das waren die in meinen Augen wichtigsten Tipps für Spieler*innen. Es gäbe da so viele mehr, aber ich glaube, diese sieben sind zentral für ein gutes Spiel.

Trotzdem, hier sind noch ein paar honorable Mentions im Schnelldurchlauf:

  • Sag deiner SL, wenn dir etwas Spaß gemacht hat.
  • Sei nachsichtig mit deiner SL, sie muss ständig schnelle Entscheidungen treffen, nicht jede wird gut sein.
  • Leite auch mal ein Abenteuer, das macht dich zu einer entspannteren Spieler*in.
  • Mach Notizen und lies sie vor Spielbeginn nochmal durch.
  • Abonniere meinen Newsletter.
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Habe ich einen wichtigen Tipp übersehen? Wenn ja, dann freue ich mich auf deinen Kommentar.

2 Kommentare zu Besser rollenspielen: 7 Tipps für Spieler*innen

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