Echoes of Exandria – Critical Role in Berlin

Wann im Leben werde ich mal ein Stadion besuchen?

Ich interessiere mich nicht für Sportveranstaltungen. Auch Konzerte können gerne ohne mich laufen. Ich mag Rollenspiel.

Und da kommt sie: Eine Rollenspiel-Veranstaltung, die ein Stadion füllt, und das auch noch in meiner Stadt:

Echoes of Exandria, eine Critical Role Live-Show.

Da ist mir völlig egal, dass ich kein Critter bin. Es spielt keine Rolle, wie uninteressiert ich an Actual Plays bin. Ich kaufe mir ein Ticket für viel zu viel Geld, und mach mich auf ins Stadion.

Die Uber Arena

Ich kenne die Uber Arena noch als o2-Arena. Zwischendurch hieß sie noch Mercedes Benz Arena?
Meine Waschmaschine hält länger als deren Name.

Ärger vorab

Im Vorfeld bin ich schonmal nicht amüsiert: Wenige Tage vor Veranstaltungsbeginn erhalte ich eine Mail mit genauen Instruktionen, was mich beachten muss, um eingelassen zu werden. Ich darf so gut wie nichts mitnehmen. Taschen in maximal A4-Größe; das Handy nur zähneknirschend, und nur, weil darüber die Ticket-App läuft, aber ich soll unbedingt sicherstellen, dass das Handy aufgeladen und das Ticket offline verfügbar ist; ich darf noch mein Portemonaie mitbringen, damit ich mich vor Ort arm kaufen kann, und das war es auch schon; ungefähr alles andere ist in der Arena verboten.

Woher bekomme ich denn jetzt eine Tasche, die klein genug ist? Ich kann doch nicht alles in der Hosentasche tragen. Und irgendwohin müssen auch noch meine Kopfhörer! Ich kann ja nicht ohne Kopfhörer mit den Öffis fahren; ich bin doch nicht lebensmüde.

Selbst das Berghain ist realitätsnäher in seiner Einlasspolitik. Und sowas lasst ihr euch regelmäßig gefallen, wenn ihr ins Stadion geht?

Ich treffe eine alte Bekannte

Ausgestattet mit einer geliehenen Bauchtasche (danke Paul) und dem Gedanken, warum ich mich vor einem Jahr dazu entschieden hatte, mir das hier anzutun (danke Vergangenheitsflorian), betrete ich die Uber Arena. Es ist brechend voll. Überall tummeln sich Critical Role Fans mit guter Laune. (Zu den Critters muss ich am Ende noch ein paar Worte verlieren.)

Erstmal lasse ich mich ausrauben, indem ich 5,70 € für ein Glas stilles Wasser bezahle. Dann betrete ich die Halle. Dort treffe ich eine Bekannte. Ich hätte nie erwartet, sie hier zu sehen: Meine Höhenangst.

Der Oberrang ist derartig weit oben, und die Treppen so steil gebaut, dass mich das Adrenalin wachpeitscht.

Stadion-Feeling

Meinen Stadion Besuch habe ich mir anders vorgestellt. Weniger steil, weniger weit oben, mit weniger Dach über mir. Über das Dach bin ich froh, schließlich hat es den ganzen Tag geregnet. Was ich mir auch anders vorgestellt habe, ist die Position meines Sitzplatzes. Die ist nämlich richtig gut. Dabei hatte ich eines der günstigsten Tickets genommen, die es gab (113,25 €). Aber ich sitze der Bühne direkt gegenüber. Nichts versperrt mir die Sicht. Klar, die Bühne ist so weit weg, dass ich mit bloßem Auge kaum was darauf erkenne. Aber ich glaube, das ist hier überall so, wenn man nicht gerade in den ersten drei Reihen sitzt.

Dass es im Oberrang so steil zugeht, hat auch den Vorteil, dass mir niemand die Sicht versperrt, egal wie groß die Person ist. Von sowas kann ich im Kino nur träumen. Leider sind die Sitze nicht annähernd so bequem wie die im Kino. Mir schwant jetzt schon, dass mir nach einigen Stunden der Hintern weh tun wird. (Spoiler: Da lag ich richtig.)

Von hier oben habe ich einen guten Blick auf das Stadion und das Publikum. Es haut mich um, als ich realisiere, was ich sehe: Dies ist eine Rollenspiel-Veranstaltung, die über 10.000 Menschen an einem Ort versammelt. Das ist eine gigantische Menge. Wie in einem Ameisenbau tummeln sich überall Nerds, egal wo ich hinsehe.

Ich höre Fachsimpeleien darüber, welche D&D-Klassen die besten sind; wie man das Cosplay-Kleid richtig näht; und natürlich, wer die Lieblingscharaktere aus Critical Role sind. Das sind alles drei keine Themen, bei denen ich mitreden kann, aber ich genieße es, hier zu sein. Darauf noch einen Schluck sauteures Wasser.

In den unteren Rängen werden die Lichter der Handykameras angemacht und geschwenkt. Ich will erst mit den Augen rollen. Das finde ich nämlich albern und etwas peinlich. Aber dann schaue ich mir das wirklich mal an, und ändere meine Meinung. In einem dunklen Stadion sieht das aus wie ein blinkender Sternenhimmel. Oder wie eine Wiese, die von Glühwürmchen überschwemmt wird. Es ist ganz schön anzusehen.

Dann startet die Show.

Echoes of Exandria

Critical Role tritt auf, brausender Applaus, und dann singt das Publikum Happy Birthday. Offenbar hatte Matt Mercer letzte Woche Geburtstag.

Ich finde es schon furchtbar, wenn meine Freund*innen zu meinem Geburtstag singen. Wenn ein Stadion mit 10.000 Menschen dies täte, würde ich vermutlich eingehen.

Das ist der einzige Punkt des Abends, an dem ich die Rollenspielenden auf der Bühne nicht beneide.

Wie geil ist es, ein Stadion zu füllen, weil man Rollo-Zock macht?

Wie unfassbar großartig muss es sein, wenn mehr als 10.000 Menschen jubeln und klatschen, weil du eine Nat-20 gewürfelt hast?

Ich hab schon für viel Kram geklatscht in meinem Leben. Aber noch nie für Würfelwürfe, für besonders gute Rollenspiel-Momente, oder dafür, massiven Schaden im Kampf ausgeteilt zu haben.

[PROJEKT] Funball

Das Abenteuer des Abends heißt [PROJEKT] Funball. Critical Role packte dafür ihre Mighty Nein Charaktere aus. Die stammen aus ihrer zweiten Kampagne. Auch diese hat schon eine animierte Serie mit einer Staffel bekommen. Die zu sehen, hätte mir aber vermutlich nicht viel weiter geholfen.

Ich zitiere mal aus der Eventbeschreibung, worum es ging. Ansonsten bemühe ich mich, nichts zu spoilern. Denn dazu hatte Matt Mercer explizit aufgerufen. Er schloss den Apell mit den Worten: „As you in Germany say: Don’t be a dick!“

Okay, ich bemühe mich.

An Experiment gone wrong has caused Caleb and Essek’s continued exploration of the Folding Halls of Halas to become an even more terrifying labyrinth, with a corrupted Caleb Widogast as the maze master. The rest of the Mighty Nein must now brave this twisted dimensional dungeon to recover and restore their friend… before they become part of it themselves.

Als jemand, der nicht bereits in die Charaktere investiert ist, musste ich schnell feststellen, dass mich das Geschehen auf der Bühne langweilte.

Ein „twisted dimensional dungeon“ klingt auf dem Papier gut. In der Realität bedeutet das aber, dass hier, ähnlich wie in einem Traum-Szenario, unklare Regeln herrschen. Und wenn die Regeln der erzählten Welt unklar sind, gibt es auch keine Fallhöhe.

Ich wusste nie, was die „stakes“ sind. Ich glaube, es gab keine. Dass die Held*innen scheitern, war nie eine Option. So wenig, dass nicht mal Zeit dafür geopfert wurde, zu fabulieren, was passieren würde, wenn sie versagten. Das ist freilich unspannend.

Unterhaltsam waren allein die witzigen Bemerkungen, die die Spieler*innen immer wieder fallen ließen. Den Party-Banter beherrschen die Profis von Critical Role unfassbar gut. Das ist eine ihrer größten Stärken. Nur leider spielte ihnen das Abenteuer hier gar nicht zu. Je länger es voranschritt, desto weniger Gelegenheit gab es dafür, und desto langweiliger wurde mir.

Dann kam die

Pause!

Kurze Unterbrechung. Ich nutze die Gelegenheit, um mit dir über „Play to find out“ zu reden. Das ist eine der Sachen, die Trad-Games von Erzählrollenspielen und OSR unterscheidet.

In einem Trad-Game wie D&D und DSA weiß die Spielleitung oft im Großen und Ganzen schon vorher, wie ein Abenteuer ausgehen wird. Alle fünf Teile des Artefakts finden, es zusammensetzen, und dann den Oberbösewicht besiegen.

Was die Spielleitung nicht weiß, ist, wie alles passieren wird. Aber sie kennt die wichtigsten Grundpfeiler der Handlung. „Gemeinsames Geschichtenerzählen“ steht hier nicht im Vordergrund. Dafür bräuchte man eben den „Play to find out“-Ansatz, bei dem die Spielleitung die Spielenden zwingend benötigt, um zu erfahren, was genau passieren wird.

Klar, auch Trad-Games können das. Auch hier gibt es Sandbox-Abenteuer. Aber sie neigen nun mal eher zu Railroads, als OSR oder Erzählrollenspiele dies tun.

Warum ich das erzähle?

Ich glaube, Actual Plays wären sehr viel unterhaltsamer, wenn sie „Play to find out“ beherzigen würden. Das würde sie von Filmen abheben. Im Film weiß ich, dass alles gut ausgehen wird. In einem Actual Play, das wirklich „offen“ spielt, weiß ich das nicht, und fiebere deshalb tatsächlich mit. Dann sitze ich gebannt am Rande meines Sitzes und applaudiere bei einer Nat-20.

Jedenfalls stelle ich mir das so vor. Critical Role geht leider den klassischen Weg. Den ohne jede Fallhöhe.

Das Finale – werden die Mighty Nein siegen?

Der zweite Teil des Abends bestand ausschließlich aus dem Endkampf.

Ein Kampf mit sechs Level 20 D&D-Charakteren. Ein Kampf, bei dem von vorneherein feststeht, dass die Held*innen siegen werden.

Obwohl das stellenweise echt zäh war, muss ich allen Beteiligten zugestehen: Dieser Endkampf hatte ganz fantastische Momente. Die Fülle an kreativen Ideen, wie die D&D-Profis mit ihren übermächtigen Zaubern umgingen, brachte mich oft zum Grinsen, und die Frau neben mir einmal zum Schreien.

Da war absurdes Zeug dabei, das wirklich genau meinem Geschmack traf.

Apropos… kurz ein paar Worte zu meinem Geschmack.

Alles Geschmackssache

Florian, du sagst selbst dass du kein Critical Role Fan bist; du sagst, dass dich Actual Plays nicht interessieren; du sagst, dass dich D&D und andere Trad-Games kalt lassen… und trotzdem verkaufst du deine Niere, um dir ein Ticket für Critical Role leisten zu können, nur um dann überrascht festzustellen, dass das nichts für dich ist. Was stimmt eigentlich nicht mit dir?

Diese Kritik ist 100% fair. Mir war von Anfang an klar, dass ich nicht den Abend meines Lebens haben würde. Denn ich war einfach nicht die Zielgruppe.

Ich wollte nur auch mal in ein Stadion. Und ich wollte mal eine Rollenspiel-Massenveranstaltung sehen. Beides habe ich bekommen.

Wäre ich die Zielgruppe des Abends gewesen, hätten mich die Getränkepreise, die unbequemen Sitze, und die mittelmäßige Soundqualität trotzdem gestört, denn sowas stört mich eben. Aber das wäre alles nur nebensächlich gewesen, und die Show hätte mich begeistert.

Das weiß ich, denn a) ich habe ein Mindestmaß an Empathie, und b) ich habe die Critters um mich herum beobachtet.

Die haben ihr eigenes Kapitel verdient.

Critters – die Critical Role Fans

Der Star des Abends waren die Fans.

Das Publikum war unter 40, zu 90% weiß, und überwiegend weiblich oder non-binär. Abgesehen von der Hautfarbe also waren sie das Gegenteil des Publikums, das ich auf Rollenspiel-Cons oder beim Blick in den Spiegel sehe.

Star des Abends waren sie vor allem wegen ihrer guten Laune. Selbst in langen Schlangen waren sie nicht aus der Ruhe zu bringen. Sie machten sich Komplimente über ihre Cosplays, lächelten sich zu, und traten sich ansonsten nicht auf die Füße.

Dieses Publikum schaffte den Drahtseilakt, gleichzeitig unglaublich begeistert zu sein, und dennoch nie zu nerven. Es gab zwischendurch frenetischen Applaus. Bei jeder 20 wurde gejubelt. Bei jeder Neun auch. Aber ansonsten hielten sie ihre Klappe. Da gab es keine blöden Zwischenrufe; keine Unterhaltungen, mit denen sie die Leute um sich herum störten; kein Gegröle. Wenn gerade nicht gejubelt wurde, dann war es mucks-mäuschen-still im Stadion.

So wünsche ich mir das im Kino auch. So wünsche ich mir jedes Publikum. Bei solchen Fans hat man einfach nur komplett gewonnen.

Die Stimmung der Critters hat mich komplett entwaffnet. Selbst als ich über 20 Minuten in einer Schlange anstand, um meine 3 € Plastikbecherpfand zurückzubekommen, regte ich mich nicht auf. Denn niemand regte sich auf. Alle waren glücklich.

Ich hoffe, alle 10.000 von ihnen kommen ins Hobby, oder sind schon da, denn solche Menschen brauchen wir.

Fazit

Wenn du mich fragst, wie mein Abend bei Critical Role in Berlin war, antworte ich dir:

War nichts für mich, aber ich bin froh, auch mal eine Stadion-Erfahrung gemacht zu haben. Und das auch noch mit einem Rollenspiel-Event, das ist wirklich was Besonderes.

Ich muss jetzt aber nie wieder ins Stadion. Dafür finde ich es da nicht premium genug, trotz Premium-Eintrittspreisen. Ich muss auch nicht nochmal Critical Role. Das ist einfach nicht mein Interessensgebiet in Sachen Rollenspiel oder in Sachen Abendunterhaltung.

Aber die Critical Role Fans fanden es „amazing!!“, und ich fand die Critical Role Fans ganz, ganz großartig. Von denen hätte ich gerne mehr in meinem Leben.

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3 Kommentare zu Echoes of Exandria – Critical Role in Berlin

  1. Das ist witzig.. Dein Fazit ist genau der Grund, warum ich ziemlich sicher nicht diesen utopischen Preis ausgegeben hätte.. 😀
    .. und das sage ich als jemand, der Actual Plays durchaus genießen kann. Die Shadowdark Runde bei GCN ist immer noch ein absolutes Highlight für mich. Dann aber eben lieber alleine auf der Couch, wo ich mitgehen kann, alles sehe und höre, einen Kühlschrank voller günstiger Getränke und Futter habe und niemanden nerve. 🙂
    Mich hätte das also null gereizt, aber ich kann schon verstehen, dass man das mal ansehen will, wenn man schon mal die Gelegenheit hat.

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