Roll Inclusive – Markus sucht Endnoten & Florian zählt Verben – Rezension #2

Dies ist der zweite und abschließende Teil unserer Rezensionsreihe über Roll Inclusive. Bevor wir zum tl;dr kommen, gibt es noch einige allgemeine Aspekte, die wir ansprechen möchten.

Einen detaillierten Einblick in die einzelnen Essays hast du ja schon im ersten Rezensionsartikel von uns erhalten. Jetzt schauen wir uns noch zwei Themen an, die die Einzelartikel überspannen.

Allgemeine Aspekte des Buches

Stil

Florian:

Der Stil ist flüssig genug, aber leider verleiten Sachtexte die Autor*Innen immer dazu, bestimmte Satzkonstruktionen zu bauen, die dem Lesefluss im Weg stehen. Die Hauptschuldigen sind:

  • Satzkonstruktionen mit „dass“
  • Sätze, in denen „ist“ als einziges Verb vorkommt
  • Sätze mit „durch“ / „dadurch“

Ich nutze die Gelegenheit jetzt mal schamlos für einen kleinen Schreibratgeber:

  • Hinter „dass“ sollte nie die wichtigste Information des Satzes stehen. Für den Lesefluss gilt die Regel: Die Hauptsache kommt in den Hauptsatz; die Nebensache kommt in den Nebensatz. (Und „dass“ leitet einen Nebensatz ein.)
  • Das Verb „sein“ ist langweilig und statisch. Ein Satz fetzt erst dann richtig, wenn dynamische Verben zur Anwendung kommen angeschossen kommen und die Leserin von den Beinen reißen.
  • Durch Sätze mit „durch“ wird Nominalstil eingeleitet. Meine Empfehlung wäre, dieses Wort zu vermeiden, wenn immer möglich.

Mehr Schreibtipps für flüssige Texte findest du… überall. Meine Empfehlung: 5 Schreib-Tipps für bessere Texte von Yours truly.

Zurück zu Roll Inclusive: Alle drei (und einige weitere) Stilblüten finde ich öfter, als mir lieb ist, aber noch in einem Maße, das ich als vertretbar empfinde. Insgesamt bleibt der Stil zugänglich und gut lesbar. Außerdem muss ich hinzufügen: Entweder, ich stumpfte nach einer Weile ab, oder die späteren Artikel sind dynamischer geschrieben. Jedenfalls stolperte ich im Verlauf der Lektüre kaum noch über Nominalstil oder kantianischen Satzbau.

Markus:

Durchweg bemüht sich das Buch um genderneutrale Schreibweisen und schafft es erfreulicherweise meist, dennoch eine flüssige Lesbarkeit zu erhalten.

Indem die meisten Autor*innen ihre Texte mit Definitionen beginnen, wird sofort klar, worüber im Folgenden gesprochen wird. Außerdem gibt es am Ende sowohl ein Glossar von Spezialbegriffen als auch der zitierten Rollenspiele. Einige Essays erklären zwar die gleichen Begriffe, bieten aber unterschiedliche Definitionen. Dadurch wird der Eindruck individueller Sichtweisen erhöht, was dem Charakter des Buches entspricht. Für eine weiterführende Diskussion des Themas Diversity wäre es jedoch hilfreich, wenn die Protagonist*innen sich auf Definitionen einigen könnten, um zu verhindern, dass ein Fortschritt an unterschiedlichen Verständnissen scheitert.

Insgesamt hätte ich mir mehr Abstimmung und Querverweise der Artikel untereinander gewünscht. Das hätte sicherlich das Thema übersichtlicher und kompakter gemacht. Auf der anderen Seite wäre so vielleicht der Eindruck unterschiedlicher individueller Sichtweisen verloren gegangen.

Florian:

Oh ja, stimmt! Es gibt zwar schon einige Querverweise, aber wenn die Artikel mehr aufeinander eingegangen wären, wäre das die Kirsche auf der Sahnetorte gewesen. Klar: Dafür hätten die Artikel der Reihe nach geschrieben und jeweils den folgenden Autor*Innen fertig vorliegen müssen. Dadurch hätte das Buch nicht in einer solchen Rekordzeit erscheinen können. Deshalb ist das keine Kritik von mir, sondern nur ein Wunsch nach mehr Kirschen.

Form

Florian:

Die Fußnoten stehen nicht in der Fußzeile, sondern werden aufgelistet nach jedem Artikel. In den Fußnoten stehen nicht nur Literaturverweise, sondern auch Erklärungen und leider auch Definitionen (uncool!). Das heißt, man muss entweder hin und her blättern, was den Lesefluss erheblich stört, oder man ignoriert die Fußnoten. Dann verpasst man allerdings all die wichtigen Erklärungen, die die Autor*innen dort untergebracht haben. Deshalb, liebe Leute, sind Fußnoten nur für Literaturverweise da! Definitionen und Infos, die man braucht, um den Text richtig zu verstehen, haben dort nichts verloren. Und wenn man solche Infos unbedingt verfußnoten möchte, dann doch wenigstens so, dass man sie unten auf derselben Seite sieht.

Markus:

Florian hat recht: Zusätzliche Erklärungen und vor allem weiterführende Literaturangaben werden bedauerlicherweise in Endnoten statt Fußnoten gefasst. Das bedeutet natürlich, dass Lesende immer das Ende des jeweiligen Artikels suchen und festhalten müssen, um ggf. die Endnote nachzuschlagen.

In der Praxis bedeutete das bei mir allzu oft, dass ich gar nicht nach der Endnote schaute, schließlich wollte ich gerade Roll Inclusive lesen und keine Literatur nachschlagen. Die zusätzlichen Infos gingen so leider verloren oder wurden erst hinterher gelesen. Ich persönlich schätze daher Fußnoten. Immerhin waren die Endnoten im gesamten Buch durchgängig gezählt, so dass man nicht versehentlich bei den Hinweisen eines anderen Artikels nachschlagen konnte.

Florian:

Heute habe ich den Begriff “Endnote” gelernt. Danke Markus! 😀

Zielgruppe

Markus:

Für wen lohnt sich Roll Inclusive?

Aus meiner Sicht für alle! Man kann mit dem einen oder anderen Aufsatz unglücklich sein, eine andere Meinung haben oder vielleicht auch schlicht nichts Neues daraus ziehen, doch insgesamt wird hier ein Themenfeld offengelegt, das für unsere Gesellschaft von entscheidender Bedeutung ist und für welches das Rollenspiel besondere Möglichkeiten bietet. Zentraler Punkt des Hobbies ist es doch, sich in andere hineinzuversetzen und deren Geschichten zu erleben. Beste Voraussetzungen, um Vorurteile abzulegen und einerseits die Welt der anderen kennenzulernen aber auch sich selbst zu hinterfragen und neu zu erfahren.

Insgesamt sehe ich für dieses Buch vier verschiedene Sphären von Zielgruppen, jeweils mit möglicherweise leicht abnehmendem Impact.

  1. Die erste ist die eigene Rollenspielrunde, sozusagen als inner circle. Hier können die neuen Ansätze frischen Wind ins Spiel bringen und lassen sich wohl auch am leichtesten umsetzen.
  2. Die nächste Sphäre bilden die Regelgebenden. Dazu möchte ich zum einen Leute zählen, die Systeme erfinden und Regelwerke schreiben oder diese illustrieren. Zum anderen zähle ich hierzu Veranstalter*innen von Conventions, LARPs oder ähnlichen Großveranstaltungen zum Thema.
  3. Die dritte Sphäre sind Romanautor*innen. Sie bieten mit ihren Werken Bilder und Hintergrundstimmungen, welche unsere Sicht der Rollenspielwelten maßgeblich beeinflussen. Insbesondere da hier keine Trennung von Spielleitung und Spielenden, von NPCs und SCs vorliegt, erhalten Charaktere in Romanen alle einen eigenen Wert, eine eigene Persönlichkeit. Außerdem hat man beim Lesen Zeit, so dass die Notwendigkeit von Stereotypen im Sinne einer Zeitersparnis oder Lenkung der Charaktere nicht erforderlich ist. Bei den Romanen sind wir schon im Übergang zur letzten Sphäre. Natürlich beschränkt sich die Nützlichkeit nicht nur auf Romane zu Rollenspielwelten oder Fantasy Bücher insgesamt, sondern lässt sich auch bei allen anderen literarischen Werken gewinnbringend einsetzen.
  4. Das bringt uns zur letzten Sphäre: unserer Gesellschaft als Ganzes. Roll Inclusive betrachtet die Möglichkeiten, Rollenspielwelten an die Vielfalt unserer Alltagswirklichkeit anzupassen. Die von uns im Spiel genutzten Klischees bestätigen jedoch oft, dass wir die dahinterliegenden Themen auch im Alltag nicht wahrnehmen. Durch mehr Sensibilität im Rollenspiel und den Probiermöglichkeiten, die dieser „safe space“ uns bieten kann, haben wir die Möglichkeit, uns auch jenseits unseres Hobbies dem Thema Diversity, vor allem aber auch anderen Menschen gegenüber zu öffnen. Und mehr Verständnis, mehr gemeinschaftliches Miteinander kann aus meiner Sicht nichts Schlechtes sein.

Florian:

Roll Inclusive versucht wirklich, sich an alle zu richten. Mindestens an alle, die Markus aufgezählt hat. Für das erste deutschsprachige Buch, das sich im Rollenspielkontext mit diesen Themen beschäftigt, finde ich das in Ordnung. Allerdings hatte dies zwischendurch immer mal wieder den Effekt, dass ich mich gelangweilt habe, weil ich mich nicht adressiert fühlte.
In den ersten Essays des Bandes werden mehrere Absätze dafür verwendet, mich davon zu überzeugen, dass Diversität im Rollenspiel bereichernd und wünschenswert sei. Leute, wäre ich davon nicht schon überzeugt, hätte ich das Buch nicht gekauft.

Später verlor mich das Buch dann, wenn es darum ging, was man beachten soll, wenn man eine barrierefreie und inklusive Con organisieren möchte. Falls ich eines Tages dazu komme, eine Con auf die Beine zu stellen, hoffe ich, mich daran zu erinnern, dass in Roll Inclusive was dazu stand. Noch mehr hoffe ich aber, dass es bis dahin Ratgeber gibt, die das noch ausführlicher und vor allem praxisnaher beschreiben.

Das ist jetzt aber wirklich Kritik auf allerhöchstem Niveau. Alles in allem hat Roll Inclusive sehr gute Arbeit damit geleistet, möglichst viele Leute anzusprechen, ohne zu langweilig zu werden.

Die letzte Meile: Unsere Wünsche

Florian:

So, bevor wir zur Punktevergabe kommen: Hast du noch was zu ergänzen; irgendwas, das du dir gewünscht hättest?

Markus:

Was mir wirklich sehr gefehlt hat, war ein Bezug auf die Theorien von Michel Foucault, gerade im Hinblick auf Macht-Wissen-Komplexe oder Hierarchien.

Da das Buch, wenn auch unter dem Fokus Rollenspiel, allgemeine Aspekte unserer realen Gesellschaften beleuchtet, hätte ich mir mehr Literatur von außerhalb des Fantasy-Sektors gewünscht, insbesondere weil das Buch auch explizit Leute von außerhalb ansprechen möchte.

Foucault ist aus meiner Sicht der zentrale Philosoph der Moderne zu dem Thema, wird hier jedoch nicht erwähnt. Vielleicht kann man diesen Punkt noch nachliefern.

Florian:

Ich glaube, du meldest dich gerade freiwillig für einen Foucault-Essay im Folgeband.

Apropos Folgeband. Hier ist, was ich mir von einem solchen wünschen würde:

Noch viel mehr darauf achten, Menschen schreiben zu lassen, deren Perspektive mit dem Thema verwoben ist. Absolut vorbildlich wurde das bereits gelöst, indem Betroffene zu Wort gekommen sind. Es ist absolut richtig, einen Betroffenen darüber schreiben zu lassen, wenn es darum geht, wie man eine barrierefreie Con organisiert. Es wäre peinlich, keine PoC zu Wort kommen zu lassen, wenn man über Repräsentation im Weltenbau diskutiert.

Jetzt wäre es aber nochmal besser, wenn die betroffene Person selbst auch schonmal eine Con organisiert hätte. Oder wenn die PoC selbst Weltenbauer*in wäre. Ich glaube, dann wären viele der Kritikpunkte von Markus und mir gar nicht erst aufgetreten, namentlich alle Probleme, die sich um mangelnde Konstruktivität drehten.

Man sieht das ganz toll am Essay über Illustrationen: Ben Maier ist selbst Illustrator. Hier wird also nicht nur theoretisiert, sondern realistische und praxisnahe Tipps gegeben. Das Ergebnis ist, dass dies einhellig der Highlight-Artikel geworden ist, auf den sich sowohl Markus als auch ich einigen konnten. Davon würde ich mir in einem Folgeband noch mehr wünschen!

Okay, kommen wir zum…

Fazit und tl;dr

Florian:

Das Buch ist wichtig, gut (genug) lesbar, divers und bereichernd.

Bunte Würfel
11/12

Roll Inclusive erhält von mir 11 von 12 bunten Würfeln.

Der zwölfte Würfel ist runtergefallen und unter die Couch gerollt, als ich hin und herblättern musste, um die Begriffsdefinitionen in den Endnoten zu finden.

Das ist der einzige meiner Kritikpunkte, der für mich schwer genug wiegt, um einen Punktabzug zu rechtfertigen. Alle anderen Nörgeleien trüben meinen Gesamteindruck nur marginal.

Markus, was sagst du?

Markus:

Hab deinen Würfel gefunden! Dafür habe ich zwei andere verschludert.

Bunte Würfel
10/12

Roll Inclusive erhält von mir 10 von 12 bunten Würfeln.

Wir sind hier immer noch auf Spitzenniveau, allerdings bin ich ein Fan von Verständlichkeit und Struktur. Ein wenig mehr Endredaktion auf der einen und Dialog zwischen den Autor*innen auf der anderen Seite hätte mehr einheitliche Definitionen, intersektionelles Verständnis und Querverweise erbracht, ohne den individuellen subjektiven Charakter der Texte zu verfälschen.

Endnoten nerven mich auch und ich freue mich in Band 2 auf Foucault und mehr Konstruktivität.

Das heißt, ich würde eine Fortsetzung definitiv kaufen. Schon jetzt habt ihr mir viel mitgegeben, das ich hoffentlich bald sinnvoll einsetzen kann.

Lotti:

Lotti empfiehlt Roll InclusiveLotti erhielt einen Snack für ihre Bereitschaft, als Foto-Model zur Verfügung zu stehen.

Deshalb bewertet sie Roll Inclusive mit 4 von 4 kleinen Pfoten. (Gelesen hat sie es aber nicht.)

Markus Pavlović ist Fantasy-Autor, studierter Archäologe und jetzt auch Gast-Autor im Rollenspielblog.
Schon seit der Schulzeit befasst er sich mit DSA – als Tabletop, Pen & Paper oder im Live-Rollenspiel. Neben Satuaria und den Hexen interessiert er sich vor allem für Maraskan und dessen komplexe Philosophie.

Mit Hexenrad ist 2022 sein erster Roman in der Welt des Schwarzen Auges erschienen.

 

Foto: © by Fotostudio Jünger

Florian solltest du mittlerweile kennen. Florian ist Inhaber des Rollenspielblogs und versorgt dich regelmäßig mit weit über 300 Zeichen pro Artikel.
Was du vielleicht noch nicht weißt, ist dass sich Florian freut wie Bolle, einen so großartigen Gast-Autoren gefunden zu haben.
Wenn du auch einen Gastbeitrag schreiben möchtest, kontaktiere Florian gerne über die Mail-Adresse im Impressum.

1 Kommentar zu Roll Inclusive – Markus sucht Endnoten & Florian zählt Verben – Rezension #2

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