Rezension: Silence from Sommerisk

Ich habe mir das Pathfinder-Abenteuer “Silence from Sommerisk” angeschaut. Es gefällt mir überhaupt nicht.
Doch bevor ich es außeinandernehme, gehe ich erstmal zwei Schritte zurück.

Hier kommt der Kontext.

Kontext 1: Sandy Petersen’s Cthulhu Mythos für Das Schwarze Auge

Screenshot vom Crowdfunding für Sandy Peterson's Cthulhu Mythos für DSA

Bis zum 04.09. läuft das Crowdfunding für ein grauenvolles Werk: Lovecrafts Horror in Aventurien. Es handelt sich dabei um ein optionales Werk, das nicht wirklich in die offizielle Hintergrundbeschreibung Aventuriens aufgenommen wird. Nicht wirklich, denn – wenn ich Markus Plötz richtig verstanden habe – eignet es sich auch für das offizielle Aventurien in einer Hinsicht: als Verschwörungstheorie.

Ich bin begeistert und unterstütze zum ersten Mal ein Crowdfunding.

Eines der Zusatzprodukte des Crowdfundings ist ein 32-seitiges Softcover-Abenteuer. Es wird nicht extra für DSA geschrieben, sondern lediglich adaptiert. Für Sandy Petersen’s Cthulhu Mythos 5e (also das Ganze ohne DSA) existiert es bereits. Trotzdem habe ich keine Ahnung, wie es heißt.

Sommerisk – Somerrisk – Sumerrisk – Somerisk – wie heißt das denn jetzt?

In der Übersicht der Zusatzprodukte auf der Seite des DSA-Cthulhu-Crowdfundings heißt das Abenteuer Schweigen aus Somerisk.
Abgebildet ist ein Buch mit dem Titel Schweigen aus Sommerisk (15€), also mit zwei M.

Auf der Seite des beendeten Crowdfundings für die deutsche Version von Sandy Petersens Cthulhu Mythos 5e heißt das Abenteuer ganz anders, aber auch dort nicht einheitlich. Einmal heißt es Stille aus Sumerrisk – also mit U, einfachem M und dafür zwei R. Geschwiegen wird auch nicht mehr. An anderen Stellen heißt es dann Die Stille von Summerisk – also mit Artikel und zwei M aber einfachem R. Abgebildet ist dann ein Abenteuer mit dem Titel Stille von Somerrisk. (12€)

Im F-Shop gibt es ein Produkt namens Stille aus Sumerrisk, aber abgebildet ist ein Buch namens Stille von Somerrisk. (11,95€)

Das PDF, das ich besitze, trägt den Titel Silence from Sommerisk. So heißt es auch im Shop von Petersen Games und auf drivethrurpg.com.

Auf der Kickstarter-Seite von Sandy Petersen’s Cthulhu Mythos for 5e heißt es jedoch Silence from Somerrisk.

Rezension Silence from Sommerisk

Ich hoffe jetzt einfach mal, dass die Namensverwirrung kein erstes Anzeichen für die Qualität des Gesamtproduktes ist. Mir reicht das Namenrätseln jedenfalls. Ich habe mir ein Abenteuer angeschaut, das Silence from Sommerisk heißt. Und der Titel-Wirrwarr ist bei weitem nicht das Schlechteste daran.

Kontext 2: Erwartungen an Cthulhu-Horror

Wer von lovecraftschem Horror spricht, der meint immer mindestens eine von zwei Sachen.

a) Das Unaussprechliche

H.P. LovecraftDas Grauen, hinter dem Schleier der Wirklichkeit liegt, ist so fremdartig, dass der menschliche Geist bei dem Versuch, es zu begreifen, zerbricht. Es ist unaussprechlich, denn um es in Worte fassen zu können, müsste man zumindest angefangen haben, es zu verstehen. Das geht aber nicht, denn es gehört nicht in diese Welt und entzieht sich komplett ihren Regeln.

Für DSA heißt das, dass das cthulhoide Grauen etwas anderes ist als Götter und Dämonen. Etwas, das jenseits der Sphären existiert, also auch jenseits der siebten Sphäre. – Ich finde das eine unfassbar spannende Idee!

b) Kosmischer Horror

Das Grauen ist nicht nur fremd, es ist auch gewaltig. Der wimmelnde Kosmos hat solche gigantischen Ausmaße, dass die menschliche Existenz darin nicht mal die Bedeutung einer Stubenfliege hat. Diese Gattung des Horrors spielt mit existenzialistischen Ängsten.

Für das Storytelling – egal ob im Rollenspiel oder in einem anderen Medium – bedeutet das, dass die “Monster” nicht von Helden besiegt werden können. Cthulhu ist kein Endgegner, dem man mit Waffengewalt beikommt. Man kann allerhöchstens erreichen, dass er noch eine Weile länger schläft. Was sind schon tausend Jahre Schlaf für ein Wesen, das in Äonen denkt? Aber erwachen wird es – und das wird das Ende der Menschheit bedeuten. Dies ist unausweichlich und es spielt keine Rolle, was für ein toller Hecht z.B. der Schwertkönig Raidri Conchobair ist.

 

Was ich vom DSA-Cthulhu-Band erwarte, ist nun, mindestens eine dieser Spielarten des Horror zu bedienen. Dasselbe erwarte ich auch von Silence from Sommerisk.

Du ahnst es schon…

Silence from Sommerisk: Kurzzusammenfassung (kaum Spoiler)

Silence from Sommerisk spielt in der Gegend Gnathowins, wo die Traumlande mit der materiellen Welt verschmolzen ist. Hier leben fantastische Kreaturen nebeneinander. Ich zitiere:

Various species—such as Mythos ghouls, gnorri, Dreamlands cats, and zoogs—have jostled for territory in this diverse land.

Silence from Sommerisk S. 4

Katzenbild
Wenigstens ein Anlass, mal ein Katzenbild zu posten.

Ghule sind hier – anders als bei DSA – kulturschaffend. Gnorri sind wohl so eine Art Skrechim. Dreamland cats sind genau das, wonach sie klingen: Sprechende Katzen. Zoogs sind, äh, so ‘ne Art intelligente Rattenmonster?

Die Heldengruppe, die durch das Abenteuer gejagt wird, besteht aus diesen Wesen. Die Helden machen sich auf die Reise zur Stadt Sommerisk, weil es in der Gegend zu seltsamen Vorkommnissen kam.

Unterwegs begegnen den Helden einige Monster, die getötet werden müssen; ein Kult eines Großen Alten lauert auf sie; zwei Mal darf geredet statt getötet werden (mit charakterlosen NSCs); am Ende kommt es zum Kampf gegen einen anderen Kult, der irgendwas Abscheuliches geplant hat.

Silence from Sommerisk: Kein Horror-Abenteuer

Warum ich von dem Abenteuer enttäuscht bin, sollte offensichtlich sein: Keine der Erwartungen an lovecraftschen Horror werden erfüllt. Genau genommen, ist es sogar überhaupt kein Horror-Abenteuer. Es ist eine High-Fantasy-Geschichte, in der Monster geschnetzelt werden. Von anderen Monstern.

Ab und zu werden Proben verlangt, um keinen “dread” zu bekommen. Das liest sich dann so:

This is a major disturbing discovery, and a character unaccustomed to such cosmic threats must succeed at a DC 20 Will save or gain 1 stage of dread for 1d12 days.

Silence from Sommerisk S. 4

Schonmal was von Show, don’t tell gehört? Ich habe es in Danke für nichts schonmal gesagt und wiederhole es gerne wieder: Gruselig wird es nicht, wenn der Autor sagt: “Jetzt wird’s gruselig”, sondern wenn er etwas Gruseliges beschreibt.

Faust
Faustregel!

Faustregel, die auch für Cthulhu-Autoren gilt: Wenn du glaubst, darauf hinweisen zu müssen, dass etwas “disturbing” oder ein “cosmic threat” ist, dann hast du bereits versagt.

Das Sommerisk-Abenteuer hat versagt. Es präsentiert weder unaussprechlichen, noch kosmischen Horror. Das sieht man schon alleine daran, dass man selbst keine Menschen spielt, sondern liebenswerte Ghule oder geweihte Katzen.

Ich finde Silence from Sommerisk darüber hinaus auch kein sonderlich gutes Abenteuer. Nichts daran ist interessant: Weder die Geschichte, noch die NSCs, noch die Herausforderungen. Aber hier ins Detail zu gehen, halte ich für überflüssig.
Silence from Sommerisk versagt schon im Ansatz, nämlich darin, das Genre zu bedienen, das es bedienen sollte.

Was heißt das für das Crowdfunding?

Für mich heißt das, dass ich mir das Abenteuer im Rahmen des Crowdfundings nicht kaufe. Dann doch lieber das Cthulhu-Vademecum.

Ich hoffe einfach mal, dass Sommerisk ein Ausrutscher war. Die übrigen Produkte, vor allem das Hauptwerk, können immer noch großartig sein und ihrem Anspruch gerecht werden. Meine Hoffnungen nährt, was Jens von Ullises im Diskussionsbereich des Crowdfundings schreibt:

…der Schauder des Mythos entsteht ja eben durch Dinge die Man sich nicht erklären kann. “Willst du damit sagen, dass es etwas jenseits der Götter, Dämonen und ihrer Macht gibt?” […] Es geht bei diesem Projekt nicht darum, dass man morgens zum Frühstück das Necronomicon liest um dann abends zufrieden ins Bett zu gehen, weil man Cthulhu einen Tentakel abgeschnitten hat. Es geht um das unergründlich fremde, den Horror die Welt nicht mehr zu verstehen und das Gefühl zu haben der einzige zu sein. Selbst wenn man bei Priestern nach Hilfe fragt werden auch die einem nicht helfen können. Das ist der Horror des Mythos.

Klingt wunderbar. Also, nein, es klingt schrecklich, aber eben genau so schrecklich, wie ich das möchte.

 

Hier endet mein Ausflug nach Sommerisk. Falls es dir gefallen hat, freue ich mich über einen Klick auf das graue Herz oder über einen Kommentar. Oooder du machst beim Crowdfunding für Cthulhu Mythos für DSA mit. (Denn je mehr Stretchgoals erzielt werden, desto mehr witzigen Kram bekommen wir.)

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